REISEBERICHT Nr. 4

Lappland, die Samen und eine unheimlich, traumhafte Landschaft

Ein herzliches hyvä päivä (Guten Tag auf Finnisch) an alle Reiseberichtleserinnen und Leser.

Da uns im Moment das Wetterglück etwas verlassen hat, haben wir uns entschieden zügig gegen den schwedischen Süden zu ziehen. Die Zeit wollen wir aber noch nutzen um den 4. Reisebericht zu schreiben. Auch wenn wir bloss Urlaub machen und keine grosse Konzentration notwendig ist (ausser auf den Verkehr und die Rentiere), so ist es unglaublich, wie schnell man vergisst wo wir gestern oder vorgestern waren. Die Eindrücke sind so gewaltig, dass wir manchmal kaum nachkommen mit dem Verarbeiten.

Die Fahrt führt uns über Manamansalo (eine Halbinsel auf dem Oulujärvi / Oulusee) nach Kusamo (bekannter Wintersport Ort). Die Halbinsel ist traumhaft gelegen und verfügt über 3 Campingplätze mit je einem Restaurant.

  

Dort findet am Tag auch das Inselleben statt und viele Einheimische kommen dort hin zum Essen und um Kontakt mit anderen zu haben. Unser Camping liegt im Wald mit direktem Blick auf und über den grossen See. Zum ersten Mal genossen wir an diesem Abend bis weit nach Mitternacht den Sonnenuntergang (dauerte hier gute 1½ Std.) um dann schon nach bereits 3 Stunden später wieder aufzugehen. Für die nächsten Tage bedeutet dies für uns konstanter Schlafmangel! Es ist immer länger hell und die Abende sind traumhaft schön mit den verschiedenen Lichtern.

 

Auf der Fahrt nach Kusamo haben wir die ersten Rentiere in freier Wildbahn entdeckt, die uns fast zum Ausflippen brachten. Die vorbeifahrenden Einheimischen haben sicher gedacht, dass diese Touris spinnen, so einen Aufstand wegen ein paar Rentieren zu machen. Aber für uns war es schliesslich das erste Mal, dass wir welche sahen. Die Rentiere treiben sich über den Sommer frei in einem riesen Gebiet herum und werden im Herbst dann von den Samen zusammengerieben, ihrer Markierung nach aussortiert und an die verschiedenen Besitzer verteilt.

Wir haben nun also Lappland erreicht. Lappland ist ein Gebiet welches sich über den Norden von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland hinwegzieht. Jedoch verlaufen die nördlichen Grenzen Lapplands in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Lappland ist die grösste Provinz in Finnland mit rund 100‘000 Quadratkilometer bei einer Bevölkerungsdichte von unter zwei Einwohnern pro Quadratkilometer. Rovaniemi ist der Verwaltungssitz und zugleich die grösste Stadt.

Auf der Weiterfahrt Richtung Norden machen wir einen Halt in Suomussalmi beim „Stillen Volk“. Auf einem grossen Feld stehen ca. 1000 verschiedene  Vogelscheuchen, welche jeden Frühling neu angezogen werden und der Kopf wird aus Moormutten mit Gras neu gestaltet. Der Künstler stellt es dem Betrachter frei, sich über ihren Sinn und Zweck einen Reim zu machen.

 

Am 12. Juni 2018 erfüllt sich ein lang gehegter Traum von Wolfgang und mir. Wir überqueren den Polarkreis mit unserem geliebten Womo. Für die Welt ohne Bedeutung, für uns ein riesen Ereignis, welchem sogar ein paar Freudetränen folgten! Auf der von uns gewählten Strecke, etwas abseits des Touristenstroms, wären wir noch fast an der Markierung vorbeigefahren. An einem bekannten Touristenort (zB. Rovaniemi) wären wir schon viele Kilometer zuvor auf die Überquerung aufmerksam gemacht worden!

 

Die Definition vom Polarkreis lautet folgendermassen: Hier geht im Sommer die Sonne mindestens eine Nacht pro Jahr nicht unter (Mitternachtssonne) und im Winter geht sie einen Tag nicht auf (Polarnacht). In weiter nördlich gelegenen Inari geht dieses Jahr die Sonne sogar vom 24. Mai bis am 21. Juli nicht mehr unter und im Winter wird es von 4. Dezember bis 8. Januar nicht mehr hell.

Weiter Richtung Inarisee begegnen wir nun täglich Rentieren und freuen uns immer noch über jedes gelungene Foto.

Etwa 70 km vor unserem nördlichsten Ziel fahren wir auf den Hügel Kaunispää, (438mM), ein Wintersportgebiet. Oben angekommen war uns sofort klar, dass dies nun der Ort war an dem wir die Mitternachtssonne zu sehen bekommen werden. Schliesslich standen wir auf einem riesen Parkplatz mit 360°Grad Sicht über das weite Land. Wir verfolgten das Specktakel die ganze Nacht, genossen viele verschiedene Stimmungen und waren am nächsten Tag trotz des Schlafmangels immer noch völlig aufgedreht.

Inari, 380 km südlich vom Nordkap, ist unser nördlichstes Ziel. Wir besuchen das Sami Museum und machen eine Schifffahrt mit einem Katamaran auf dem Iranisee. Leider hatten wir starken Wind auf der Fahrt, was das Anlegen an der bekanntesten Insel, Ukonsaari, unmöglich machte. Die Rückfahrt strapazierte dann auch arg meine Magengegend! Wolfgang fiel zwar vor lauter Wellen fast aus dem Schiff machte aber immer noch Fotos und hatte sichtlich Spass dabei. Der Inarisee (Inarijärvi) ist der 2. grösste See Finnlands und hat 3318 Inseln. Die Uferlinie ist ca.3300 km lang und der See ist während ca. 7 Monate zugefroren.

Noch ein paar Informationen zu den Samen, früher Lappen genannt. (gilt heute aber als Schimpfwort) Es ist nicht eindeutig nachgewiesen von woher die Sami vor rund 10‘000 Jahren in den Skandinavischen Raum einwanderten. Auf Grund der Samischen Dialekte könnten sie finnisch-ungarischen Ursprungs sein. Rund 9500 Samen leben in Finnland, ca. 80‘000 – 100‘000 leben in Norwegen, 14‘500 in Schweden und fast 2000 leben in Russland. Sie gelten als Minderheit und kämpfen immer wieder für ihre Rechte.

Während wir uns gemächlich wieder Richtung Süden bewegen, begegnen wir täglich Karawanen von Wohnmobilen und Wohnwagen welche Richtung Nordkap fahren. Da wir das Nordkap bereits 2010 mit der Hurtigruten Schiffstour besuchten war dies für uns keine Option mehr. Zumal das ja bei diesem Verkehr dort oben ein Gedränge sein muss, dass es uns grausen würde. Auch kommt hinzu, dass für den Norden eine Schlechtwetterperiode angesagt ist und man oben nur mit viel Glück auch etwas sehen würde.

In Rovaniemi überqueren wir wiederum den Polarkreis, diesmal mit allem Drum und Dran. Sogar dem Nikolaus haben wir einen Besuch abgestattet. Er hat alle Hände voll zu tun. Kriegt er doch jährlich 18 Millionen Briefe aus 199 Ländern welche er beantworten muss. Täglich bedeutet dies 32‘000 Briefe. Ganz schön viel Arbeit für einen älteren Herrn, nicht?

Am Torneälven Fluss besuchten wir die Stromschnellen von Kukkolankoski.

Für uns überraschend schnell, wechselten wir von Finnland nach Schweden, da der Campingplatz auf der anderen Flussseite liegt. Mit einem Abstecher in die Stadt Tornio konnten wir uns noch gebührend von Finnland verabschieden. Wir erhielten die vor 22 Tagen gestohlene Stunde zurück und leben nun wieder in der gleichen Zeitzone wie ihr Zuhause. Zugleich verabschieden wir uns heute nun auch noch von Lappland. Diese Traumlandschaften, mit ihren unendlichen Weiten, die vielen Rentiere und die nicht untergehende Sonne, werden wir nie mehr vergessen.

Alle Zuhause lassen wir herzlich Grüssen und verbleiben mit einer Finnischen Verabschiedung. Tapaavat jälleen (Auf Wiedersehen)

Eure Rewo‘s (Renate und Wolfgang Lorch)

PS: Die Verfasserin dieses Berichtes hat möglicherweise einige Ungereimtheiten versteckt formuliert, welche nur dem aufmerksamen Leser auffallen werden. Ich erachte diese Schreibart als meine persönliche Freiheit!